2.5. Allgemeinanästhesie#

Syn.

Allgemeinnarkose, AN, Vollnarkose

Heutzutage wird meist eine Kombinationsnarkose angewandt. Diese kann aus verschiedenen Medikamentengruppen bestehen:

  • Prämedikation (Sedierung, vegetative Dämpfung)

  • Narkoseeinleitung (i.v.-Anästhetika)

    • Hypnotika

    • Analgetika

    • wenn nötig (und nur dann!) Muskelrelaxans

  • Aufrechterhaltung der Anästhesie (Inhalationsanästhetika, i.v.-Anästhetika)

    • Hypnotika

    • Analgetika

    • nur bei besonderer Indikation Muskelrelaxans; “Pressen” ist per se keine Indikation!

      Wichtig

      Ein Patient wird primär narkotisiert, nicht relaxiert!

Narkotika beeinflussen das ZNS in einer bestimmten Reihenfolge – zuerst die Hirnrinde, dann folgt das Mittelhirn, darauf der Hirnstamm, dann das Rückenmark und nur bei Überdosierung die Medulla oblongata.

Narkosestadien, die während der Narkose durchlaufen werden:

  • Amnesie und Analgesie

  • Erregung und Exzitation

  • Toleranz

  • Paralyse

Logischerweise sollte die Operation im Stadium der Toleranz erfolgen und die Paralyse nie erreicht werden. Diese Narkosestadien könne klassisch bei der obsoleten Äther-Narkose beobachtet werden, bei modernen Narkosemedikamenten sind sie normalerweise nicht gut abgrenzbar. Bei der Narkoseausleitung durchläuft der Patient die Stadien in umgekehrter Reihenfolge.

In der modernen Anästhesie stehen verschiedene Methoden zur Verfügung, um eine adäquate Allgemeinanästhesie zu erzielen. Die drei wichtigsten Konzepte sind die Inhalationsnarkose (Gasnarkose), die Total-intravenöse Anästhesie (TIVA) sowie die balancierte Anästhesie (bzw. als Sonderform, mit Schwerpunkt auf intravenöser Gabe und komplementärem Narkosegas zur Awareness-Prophylaxe, die balancierte intravenöse Anästhesie (BIVA[1])), eine Kombination aus beiden. Die Wahl des geeigneten Verfahrens hängt von patienten- und eingriffsspezifischen Faktoren sowie institutionellen Gegebenheiten und nicht zuletzt der Präferenz und Erfahrung des Durchführenden ab.

Im Gegensatz zu den Inhalationsanästhetika haben i.v.-Anästhetika den Vorteil einer raschen Narkoseeinleitung und sind daher heutzutage bei der Einleitung Standard. Die inhalative Narkoseeinleitung ist heutzutage praktisch nur noch in der Kinderanästhesie gängig, wenn beim wachen Kind mangels Compliance kein i.v.-Zugang gelegt werden kann.

Zunächst ist es wichtig, die Grundprinzipien der möglichen Regime abzugrenzen, vgl. Tab. 7.

Tab. 7 Abgrenzung: Gasnarkose, TIVA, BIVA, balancierte Anästhesie#

Regime

Beschreibung

Gasnarkose

(Inhalationsnarkose)

Narkoseerhaltung überwiegend oder ausschließlich über volatile Anästhetika (VIA, (z. B. Sevofluran, Desfluran)

Die Narkoseeinleitung erfolgt üblicherweise als i.v.-Gabe.

TIVA

Total-intravenöse Anästhesie

Einleitung und Erhaltung ausschließlich über intravenöse Medikamente (z. B. Propofol, Remifentanil)

Balancierte Anästhesie

Kombination aus intravenöser Gabe und VIA zur Aufrechterhaltung

z. B. Aufrechterhaltung mit Narkosegas und Abdecken der Schmerzspitzen mit Remifentanil

BIVA[1]

Balancierte intravenöse Anästhesie

Balancierte Anästhesie mit Schwerpunkt auf intravenöser Gabe und komplementärem Narkosegas zur Awareness-Prophylaxe

2.5.1. Pharmakokinetik & Steuerbarkeit#

Die Steuerbarkeit der Narkose sowie die Pharmakokinetik der eingesetzten Substanzen beeinflussen das intraoperative Management wesentlich.

Die Gasnarkose mit modernen Gasen hat eine mittelmäßige Steuerbarkeit, welche jedoch bei einer notwendigen Kombination mit Opiaten wie Fentanyl oder Musekelrelaxatien (ev. additiver Effekt) negativ beeinflusst werden kann. Problematisch ist hierbei die sonst vorteilhefte Multimodalität von manchen Narkosegasen, welche zugleich hypnotisch, analgetisch als auch in gewissem Maß muskelrelaxierend wirken. Somit ist die gezielte Steuerung der einzelnen Teilaspekte der Narkose mit einem Narkosegas alleine oft nicht zufriedenstellend möglich. Positiv zu nennen ist die pulmonale Elimination, welche etwaige Organinsuffizienzen elegant umschifft.

Intravenöse Anästhetika können substanzabhängig sehr gut steuerbar sein. Auch sind die Teilaspekte einer Narkose besser gezielt steuerbar (z.B. relevant bei Schmerzspitzen während des Eingriffs oder Tubustoleranz bei sonst leicht erweckbaren, spontan atmenden Patienten bei der Ausleitung oder im Rahmen des Weanings). Relevant kann auch die kontextsensitive Halbwertszeit sein, welche bei längerer Dauer zunehmen kann (extremes Beispiel: Fentanyl). Die Elimination ist substanzspezifisch (hepatisch, renal), etwaige Organinsuffizienzen müssen in Betracht gezogen werden.

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Fig. 2 Die i.v.-Anästhetika verteilen sich je nach Durchblutung in den verschiedenen Geweben#

2.5.2. Indikationen und Kontraindikationen – Vor- und Nachteile#

Jede Methode hat typische Einsatzgebiete, in denen sie besonders geeignet ist. Die Wahl hängt von der Art des Eingriffs, dem Patienten und auch technischen Voraussetzungen sowie etwaigen Kontraindikationen ab.

Tab. 8 Narkoseregime: Vor- und Nachteile#

Methode

Vorteile

Nachteile

Gasnarkose

Oft adäquate Steuerbarkeit, bronchospasmolytisch, geringere Awareness-Gefahr

PONV, Umweltbelastung, MH-Risiko, Uterus-Relaxierung (substanzabhängig), Relaxierung der Schlund-Muskulatur (substanzabhängig)

TIVA

Weniger PONV, weniger Pressen beim Ausleiten, Tubustoleranz beim spontan atmenden kooperativen Patienten eher möglich, konstantere Narkoseführung möglich (Neuromonitoring), kein MH-Trigger, EEG-Awareness-Monitoring-tauglich

Materialbedarf, höhere Awareness-Gefahr, Gefahr der postoperativen Hyperalgesie bei alleiniger Verwendung von kurzwirksamen Opiaten, mögliche Kumulation

Balancierte Anästhesie

Flexibel, gute Kombination aus Hypnose & Analgesie, Awareness-Prophylaxe

PONV, MH-Trigger

Tab. 9 Narkoseregime: Indikationen und Kontraindikationen#

Methode

Typische Indikationen

Wichtige Kontraindikationen

Gasnarkose

Bronchospasmus-Neigung, Routineeingriffe, inhalative Einleitung bei Kindern, kurze bis mittellange Eingriffe

Maligne Hyperthermie, erhöhter ICP, PONV-Risiko, Laser-OPs, substanzabhängig: Eingriffe, bei denen eine Uterus-Relaxation nachteilig ist (Curretagen, postpartale Blutung, …), OSAS, neuromuskuläre Erkrankungen

TIVA

PONV, EEG-Monitoring (Neuro), Laser-Eingriffe im Mund-Rachen-Bereich, Langzeiteingriffe, Maligne Hyperthermie,

Organinsuffizienz bei kumulierenden Substanzen

Balancierte Anästhesie

Standard bei vielen Eingriffen, gute Steuerbarkeit und Analgesie

Unverträglichkeit einzelner Komponenten

2.5.3. Praktische Beispiele#

Es gibt kein ultimativ-ideales Narkoseregime, die Auswahl sollte stets individualisiert und situationselastisch erfolgen. Tabelle Tab. 10 zeigt exemplarische Situationen aus dem klinischen Alltag.

Tab. 10 Narkoseregime: Beispiele#

Situation

Bevorzugte Methode

Rationale

Neurochirurgie mit Neuro-Monitoring

TIVA

Keine Beeinflussung des EEGs durch volatile Anästhetika

Kind, “nicht stechbar”

Gasnarkose

Inhalative Einleitung ohne i.v.-Zugang möglich

Patient mit MH-Risiko

TIVA

Keine MH-auslösenden Substanzen

Tonsillektomie mit Laser

TIVA

Keine Explosionsgefahr durch Gase

Routine-Appendektomie

Balancierte Anästhesie

Standardverfahren, effizient und kostengünstig

Laparotomie

TIVA, BIVA

Weniger Pressen beim Ausleiten

Eingriffe an den Extremitäten

Gasnarkose

Patient mit i.v.-Opiat-Abusus

Gasnarkose, ev. + Lachgas

Häufig ausgeprägter Gewöhnungseffekt gegenüber Opiaten und i.v.-Sedativa; aber: Körper “kennt Gase noch nicht”

Patient mit OSAS

TIVA

Keine zusätzliche Relaxierung der Schlundmuskulatur

Patient mit PONV

TIVA

Signifikant geringere Inzidenz von PONV

Beispiel: W, 35a, Curettage

Plan

TIVA, gasfrei!

Vorbereitung

Propofol 1%-Perfusor 50 ml

Einleitung

Fentanyl 0,200 mg, Propofol 200 mg aus Perfusor

Aufrechterhaltung

Propofol 1% 45 ml / h

Beispiel: M, 65a, Hüft-TEP

90kg, ohne relevante Vorerkrankungen, SPA abgelehnt

Plan

AN mit ETI

Einleitung

Fentanyl 0,300 mg, Propofol 200 mg, Phenylephrin 0,050 mg, Rocuronium 30 mg (mind. 3 min Wartezeit)

Aufrechterhaltung

Sevofluran MAC65a 1, Remifentanil 1 mg / 50 ml (0,020 mg / ml) auf 10m l / h, adaptieren je nach Schmerzreiz

Beispiel: W, 90a, Hüft-TEP, SPA abgelehnt

60kg, ohne relevante Vorerkrankungen

Plan

AN mit ETI

Einleitung

Fentanyl 0,300 mg, Propofol 80 mg (sehr variabel!), Phenylephrin 0,100 mg, Rocuronium 25 mg (mind. 3 min Wartezeit)

Aufrechterhaltung

Sevofluran MAC90a 0,8-1 (variabel!), Remifentanil 1 mg / 50 ml (0,020 mg / ml) auf 10m l / h, adaptieren je nach Schmerzreiz

Beispiel: M, 45a, lap. Cholezystektomie

90kg, ohne relevante Vorerkrankungen

Plan

AN mit ETI, TIVA/BIVA

Obligat

EEG-basiertes Monitoring

Einleitung

Fentanyl 0,300 mg, Propofol 200 mg, Rocuronium 30 mg (mind. 3 min Wartezeit)

Aufrechterhaltung

Propofol 1% 45 mg / ml, Remifentanil 1 mg / 50 ml (0,020 mg / ml) auf 45 ml / h, adaptieren je nach physiologischer Reaktion und EEG-Verfahren, Sevofluran 0,2 MAC45a

Bei Pressen oder erhöhtem intraabdominalen Druck Propofol- (10-20 mg) bzw. Remifantanil-Bolus (z.B. 0,020 mg)