4.1. Neuromuskuläre Erkrankungen#
Cerebrum: Temporallappen mit Hörzentrum und Wernicke Sprachzentrum; Parietallappen mit sensorischen und somatosensiblen Zentren; Occipitallappen mit Sehzentrum; Frontallappen mit motorischem Cortex für die Feinmotorik und Broca-Sprachzentrum und Emotionen/Persönlichkeit; Cerebellum für die Koordination der motorischen Aktivitäten und dem Nervus vestibularis.
Diencephalon = Thalamus, das Tor zum Bewusstsein mit Epiphyse und Hypothalamus (Atmung, Kreislauf, Temperatur und Endokrinium)
Hirnstamm mit Pons und Medulla oblongata = anatomische Substrat des Bewusstseins mit Atemzentrum.
- Hirnnerven
I N. olfactorius, II N. Opticus, III N. Oculomotorius parasymp., IV N. Trochlearis, V Trigeminus parasymp., VI Abduzens, VII Fazialis, VIII Vestibulocochlearis, IX Glossopharyngeus, X Vagus parasymp., XI Accessorius, XII Hypoglossus.
- Plegie
vollständige Lähmung
- Parese
inkomplette Lähmung
CAVE: Ateminsuffizienz/Schluckstörung/Aspirationsgefahr!
4.1.1. Lambert-Eaton-Syndrom#
paraneoplastisch bei Bronchus CA bilden sich AK gegen den präsynaptischen Calziumkanal (VGCCAk positiv), sodass Ach vermindert freigesetzt wird.
Oft allgemeine Muskelschwäche (auch Atemmuskulatur! Prüfungsbeispiel!), Beinschwäche mit zunehmender Kraft bei körperlicher Betätigung.
- AN
keine Cholinesterasehemmer (verschlechtern!), sondern Kalziumkanalblocker (3,4 Diaminopyridin), wenn möglich keine Muskelrelaxanzien!
Wenn doch nötig: Dosisreduktion, mit 10-20% ED95 und kurzwirksamen Muskelrelaxanzien beginnen. (TOF!)
4.1.2. Myasthenia gravis#
= 80% nAChR-Ak positiv, Rest seronegative MG
- Klinik
abnorme Ermüdbarkeit der Muskulatur, belastungsabhängige Symptome, Besserung nach Ruhephasen, keine Sensibilitätsstörungen, schmerzlos.
- Test
Simpson Test (Doppelbilder, Ptose), EMG/ENG, Antikörperbestimmung
- Therapie
Symptomatisch: Mestinon 3 x 60 mg p.o. (= Pyridostigmin-Bromid) = Acetylcholin-Esterase-Inhibitoren oder Ubretid (Distigminbromid)
Immunsupressiv: Prednisolon, Ciclosporin A
Immunologisch: monoklonale Ak
Chirurgisch: Thymektomie (wenn Thymus vorhanden)
Kein Effekt auf AchE-Inhibitatoren = keine MG, muss eine andere Ursache für Muskelschwäche geben.
- Präoperativ
Mestinon am OP-Tag pausieren oder präop um 20% reduzieren! (Besser leicht myasthen als cholinergisch); Erfragen: Schluckstörungen? Respiratorische Insuffizienz?
- Anästhesie
Wenn nötig Atracurium in kleinen Dosen!
Immer TOF!! Keine Antagonisierung, sondern Spontanerholung abwarten mit Nachbeatmung, prolongiertes Weaning, ev. Intubation in tiefer Inhalationsnarkose mit Lokalanästhesie des Larynx ohne MR erwägen.
- Myasthene Krise
Exazerbation mit respiratorischer Insuffizienz und Aspirationsgefahr! Ausgelöst durch AB (z.B. Makrolide), Antiarrhythmika (z.B. Betablocker), Muskelrelaxanzien, Glukokortikoide, Magnesium (Krampfprophylaxe) + SS, Fieber, Infektion, Stress, SDÜber/Unterfunktion.
Therapie: Neostigmin (Prostigmin), Pyridostigmin
- Cholinerge Krise
bei Überdosierung CHE-Inhib. durch muskarine NW: Schwitzen, Abdominalkrämpfe, Diarrhoe, Speichelfluss, Miosis, Bradykardie, Hypotonie;
Therapie: Atropin, Scopolamin
4.1.3. Botulismus#
= Clostridium botulinum blockiert Ach-Freisetzung (Säuglings, Wund, Nahrungsmittel B)
- Klinik
absteigende Symptome mit bds. Doppelbildern, Ptose, Schluckstörung, Paresen der Arme und Beine, Anticholinerge Symptome (Mydriasis, Mundtrockenheit, Darmträgheit)
- Diagnose
Kultur, ENG (mit Steigerung der Muskelantwort durch repet. Reize)
- Therapie
symptomatisch, Antitoxin
4.1.4. Akute intermittierende Porphyrie#
= genetischer Enzymdefekt im Porphyrinstoffwechsel der Hämbiosynthese, autos. dominant vererbt; mit Akkumulation von Delta-Aminolävulinsäure und Porphobilinogen PBG nach z.B. akuter Cytochrom P450 Induktion durch Barbituratgabe. (Davor klinisch stumm, akuter Schub)
Weitere Auslöser: Alkohol, Stress, Fieber, Sexualhormone, Diclofenac, Phenytoin, Lasix,…
- Klinik
Abdominelle Beschwerden (akutes Abdomen, Koliken, Erbrechen durch autonome Neuropathie), Psychiatrische Auffälligkeiten, Lähmungen bis Koma durch Neuropathie und Enzephalopathie, Tachykardie und Hypertension als Ausdruck der autonomen Neuropathie.
- Diagnose
PBG im Harn
- Sichere Medikamente für Narkose
Propofol, Fentanyl, Ultiva, Paracetamol, Lysthenon, …
wahrscheinlich sicher: Rocuronium/Esmeron
- OP
keine Prämed. (nur Promethazin sicher), bevorzugt RA/LA: Bupivacain, Prilocain, Procain (Ropivacain keine Daten!) KEIN Lido- und Mepivacain!
- AN
Propofol (KEINE Barbiturate), Lysthenon + Atracurium/Tracrium gilt als sicher, KEINE BENZOS.
- Therapie
hohe Glucosezufuhr (stoppt δ-ALS-Synthetase) + Feedback-Hemmung durch Hämderivate, Flüssigkeit, Brevibloc, ASS + Paracetamol
4.1.5. Gullain-Barre-Syndrom#
(AIDP acute inflammatory demyelinating polyradiculoneuropathy)
Autoimmunreaktion gegen Myelinscheiden mit Ak-Bildung; Auslöser sind Virusinfektionen (CMV, EBV), Campylobacter jejuni, Mykoplasmen-Infektionen.
- Klinik
Initial Parästhesien der Finger und Zehen mit symetrischer von distal aufsteigender schlaffer Lähmung, bis Ateminsuffizienz (30%) + autonome Störungen (Hypotension, Bradykardie, Ileus,…) Krankheitsgipfel in der 2-4 Woche
- Diagnose
Liquorpunktion (Eiweiß deutlich erhöht, Zellzahl normal <10/3Lymphozyten)
ENG: verlängerte Latenz, Leitungsblock
- Therapie
Immunglobuline IgG iv., Plasmapherese, Beatmung
- Prognose
80% komplette Remission in 1 Jahr, Rest bleibende Defizite
4.1.6. Critical Illness Polyneuropathy#
= erworbene Muskelschwäche des kritisch kranken Patienten va. bei Sepsis, Polytrauma, SIRS, MOF , durch Schädigung der motorischen Endplatte (periphere sensible und motorische Nervenfasern).
- Risikofaktor
Hyperglykämie, Sepsis, Muskelinaktivität, Relaxation, Kortikosteroidtherapie.
- Urs
TNF-α, Kohlenhydratstoffwechselstörung, Störung der Ach-Rez. durch repetative Gabe von ndMR
- Klinik
symmetrisch distal betonte Tetraparese, Atemschwäche, Muskeleigenreflexe schwach bis fehlend
- Therapie
Physiotherapie, Vit B-Präparate mit REHA über Wochen bis Monate/Jahre.
- Prävention
frühe Mobilisation mit Physiotherapie, Vermeidung von Hyperglykämie, unnötige Sedierung und Relaxation vermeiden, Steroidgabe kritisch abwägen.
4.1.7. Myotone Muskeldystrophie Typ Duchenne#
Autosomal dominat vererbt; verminderte Produktion von myotoner Proteinkinase mit erhöhtem Muskeltonus und Übererregbarkeit der quergestreiften Muskulatur, mit verspäteter Relaxation durch abnorme Schließung der Na/Cl-Kanäle nach Depolarisation, dies bewirkt eine repetitive Entladung und Kontrationen. Progediente Muskelschwäche zw. 20 und 40 Lj.
- Klinik
Allgemein: Stirnglatze, Muskelverlust Schultergürtel, Gonadenatrophie mit Infertilität
Bulbäre Probleme mit verwaschener Sprache, Dysphagie und erhöhter Aspirationsgefahr bei Herabgesetzten Muskeltonus und verminderten Reflexen. Verminderter IQ.
CMP mit Herzinsuffizienz, MKPS, Überleitungsdefekte AV-Block I°
Schwache Atempumpe, schlechter Hustenstoß, zentral vermittelte erniedrigte Atemantwort auf CO2, OSAS mit chronischer Hypoxämie und Cor pulmonale.
Magenentleerungsstörungen, Obstipation
DM
- Anästhesiologische Probleme
Hohes Aspirationsrisiko (RSI), erhöhte Sensibilität für Opiate/Barbiturate/Volatile Anästhetika.
Assoziation mit MH!! Auslösung der Myotonie durch Kälte, Anstrengung, Zittern, Hyperkaliämie, Succinylcholin, volatile Anästhetika und Neostigmin.
- Präoperativ
24 h EKG + LUFU + Elektrolyte (K); keine Prämedikamentation! Wenn möglich RA! Sonst TIVA mit Esmeron (mit TOF !!! Verstärkte Wirkung!) ndMR der Wahl wäre Atracurium. Keine Antagonisierung mit Cholinesterasehemmern, da eine Verstärkung der Blockade statt Aufhebung eintreten kann!
Postoperative Überwachung! Keine frühzeitige enterale Ernährung wegen stiller Aspiration bei Schluckstörung und verzögerter Magenentleerung!
4.1.8. Multiple Sklerose MS#
Demyelisierung im Gehirn und RM;
- Klinik
spastische Parese der quergestreiften Muskulatur, Gangstörungen (Kleinhirn), Sensibilitätsstörungen, verminderte Sehschärfe, gestörte Pupillenreaktion, Doppelbilder bei Augenmuskellähmung, Schwäche der Extremitäten, Sprachstörungen, Impotenz (RM).
- Therapie
ACTH oder Kortikoide verkürzen Schub; ev. Immunsupressiva, Vermeidung von Erschöpfung, Stress, Temperaturveränderungen.
- Anästhesie
Temperaturmonitoring!!! Vermeide Temperaturerhöhung postoperativ; Bei SPA Neurotoxizität des LA größer als bei PDA; normalerweise AN!!!
Cave: kein Succinylcholin (vermehrte Kaliumfreisetzung), verlängerte Wirkung der ndMR oder Resistenz möglich (TOF!!)
Keine Antagonisierung mit Cholinesterasehemmer, sondern spontanes Abklingen der MR mit Nachbeatmung abwarten!
4.1.9. ALS (amyotrophe Lateralsklerose)#
Ist eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems durch Untergang der Motoneuronen mit Gang-, Sprech- und Schluckstörungen und zunehmender Muskelatrophie. Der Tod tritt aufgrund pulmonaler Komplikationen durch Aspirationspneumonie und Lähmung der Atemmuskulatur ein. Meist tritt die Erkrankung zwischen 50-70Lj auf.
- Therapie
symptomatisch
- Anästhesie
Prädisposition zur Aspiration, verlängerte Wirkung der Muskelrelaxanzien (NdMR).
Depolarisierende Muskelrelaxanzien (Lysthenon®) führen zu Myotonie ähnlichen Kontraktionen und massiven Hyperkaliämien mit der Gefahr eines Herzstillstandes und sind daher kontraindiziert!